Das Altarbild

Leider war es nur eine kurze Zeitspanne, die den beiden genialen Künstlern – dem Architekten Olaf Andreas Gulbransson und dem Maler Hubert Distler – zur Umsetzung Ihrer gemeinsamen Vorstellungen von Kirchenbau und Ausstattung geblieben waren …

Alterbild v2Wohl ist es die Nähe zu Italien, die in den kleinen, intimen evangelischen Kirchen Baden-Württembergs und Bayerns Wandmalereien entstehen ließ, wie sie in anderen Regionen Deutschlands undenkbar wären. Bereits während seines Studiums an der Kunstakademie in München hatte Distler Gelegenheit, als Meisterschüler von Franz Nagel bei der Deckenausmalung der Kirche St. Max in Augsburg 1950 diese Tradition zu studieren …

… Die Begegnung mit der mediterranen Landschaft spielte eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung seiner Themen und Motive: Das Wechselspiel der Dinge, die Sonne, die aufleben und absterben lässt, die Offenbarung, dass etwas zugleich schön und großartig wie grausam und unerbittlich sein kann. Diese Polarität der Dinge wie auch Himmel und Erde, Oben und Unten bestimmte sein Welt- und Lebensgefühl. Über die Reduktion auf Wesentliches entwickelte er eine abstrakte Sprache von unverwechselbarer Handschrift …

Dabei versuchte er, die Aussagen der Bibel in eine menschliche Ausdrucksart zu übertragen. Distlers Sinnbild des Martyriums Christi sind Dornen. Dornen, vorgegeben bereits in der Dornenkrone, haben im menschlichen Leben die feste Bedeutung von Schmerz und Leid. Beim Anblick von Dornen kann der Leidensweg Christi nachempfunden werden … Aus diesen Gedanken hat Distler die Pole Dornen – Sonne, Erde – Himmel entwickelt …

In der Christuskirche zu Steinen verbindet Distler den Kreuzestod mit der Auferstehung. Die ausgebreiteten Arme und die Wundmale kennzeichnen Christus als den Gekreuzigten. Doch er trägt keine Dornenkrone, sondern sein Körper scheint zu schweben, schon über dem Irdischen sich befindend, zwischen den Symbolen der Passion – Dornen und Kelch – am linken Bildrand und Symbolen des ewigen Lebens – der Stern der Geburt und das Lamm des Himmlischen Jerusalems – am rechten Bildrand. Die rote Sonne – ist es die sich verdunkelnde Sonne des Kreuzestodes oder die aufgehende Ostersonne? Dezent und doch eindeutig verbindet sich das Rot der Sonne mit dem Rot der Dornen und dem Rot des Fensters links neben dem Wandbild …

© Dr. Annette Jansen-Winkeln Stiftung
Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jh. e.V.
Bilder und Texte entnommen der Festschrift